Dagmar Varady

Medienkünstlerin im Bereich Intermedia

wissen – ein Werkdialog

Paolo Bianchi

Alba D’Urbano & Dagmar Varady

Kunstverein Ludwigshafen, 20.4. – 30.6.2013

In der Erzählung „Die Bibliothek von Babel“ (1941) von Jorge Luis Borges erscheint die Welt als ein unendliches System von Bibliothekslabyrinthen: „Man erzählt von einer fieberhaften Bibliothek, wo sich zufällige Bände in einer ewigen Patience in andere Bücher verwandeln, alles durcheinander bringen und alles verneinen, was eben behauptet wurde, wie ein wahnsinnige Gottheit." Eine Patience (frz. für Geduld) ist ein Kartenspiel, das meist von einer Person gespielt wird, deshalb werden diese Spiele im Amerikanischen als Solitaire bezeichnet. (…)

Kunstforum 2014
Auszug Kunstforum Band 225, 2014, Ausstellungen: Zürich / Ludwigshafen, S. 320

In der als Werkdialog gestalteten ortsspezifischen Konzeptausstellung der beiden Künstlerinnen Alba D’Urbano und Dagmar Varady ist der Versuch einer explorativen Welterschließung angelegt.

Mit dem Projekt „wissen“ ist eine welthaltige Textur entstanden, die ihren Ursprung aber in einem lokal gefärbten Fundus hat. In ihrem gemeinsamen Forschen, Suchen, Erkunden und Ausfindigmachen praktizieren die beiden Künstlerinnen einen produktiv-dialogischen Blickwechsel. Dieser gewinnt aus Exponaten des ausgemusterten Inventars der Stadtbibliothek Ludwigshafen und den eigenen parallel hierzu ausgestellten Werken im Kunstverein ein umfängliches Quantum an Wissen. Diese Parallelaktion wirkt belebend auf die zum Erkennen der Vielfalt nötige Sinnlichkeit.

Dabei bezieht sich Sinnlichkeit hier nicht auf die rein physiologischen Bedingtheiten wie Seh-, Hör-, Riech-, Tast- und Geschmackssinn, sondern gemeint ist auch jenes Vermögen, das sich aus spezifischen Begrifflichkeiten, Einbildungs- und Erinnerungskraft speist. Die Rede ist von einer ästhetischen Erfahrung als Konfrontation mit dem vordergründig Nichtbegreifbaren, mit jenem Zustand, der die Ordnung des Wissens zu irritieren vermag. Die Ausstellung wie auch das vorliegende Katalogbuch mit dem einfach klaren Titel „wissen“ können nicht den Anspruch erheben, eine vollständige Wissenserschließung zu repräsentieren. Vielmehr liegt ihre Intention darin, eine sinnlichkeitsnahe Reflexion über den Umgang von Kunstwerken in einem Spielraum der thematischen Wahlverwandtschaft mit Büchern anzustiften.

Auf seiner Flanage durch die Installation in der großen Halle des Ludwigshafener Kunstvereins gerät das Publikum zwischen den Stapeln und Regalen sprichwörtlich beiläufig an Orte des Wissens, die mit ihren bewusst gesetzten thematischen Abschweifungen etwas von dem Gefühl widerspiegeln, auf ungeahnte Funde gestoßen zu sein. Während eine Plattform wie Wikipedia seine Nutzer ganz eng führt und den Fokus auf dem Gesuchten belässt, finden sich die Benutzer einer Freihandbibliothek in einem erlebnisoffenen Raum, in dem das zufällige Stöbern die Erfahrung für überraschende Erkenntnisgewinne bereithält.

Hier findet sich auch der Gestaltungsgrund der „wissen“-Ausstellung. Denn nicht der Leidenschaft der Aufklärung im Sinne einer systematischen Versammlung allen bekannten Wissens wird entsprochen, stattdessen unternehmen die beiden Künstlerinnen den Versuch, die Spuren ihrer künstlerischen Topografie durch obsessive Bestandsaufnahmen zu kennzeichnen. Entstanden ist ein Dialograum – für eine alternative Erkenntnisbildung im offenen und gleichberechtigten Wechselspiel von Rationalität und Sinnlichkeit, aufgetaucht ist ein Ort, an dem ein Wissen sich erst zu bilden hat. Dieses Wissen entsteht nicht im rein privatimen Kontext, sondern nur im Austausch und gemeinsam mit anderen. Sieben Gründe lassen sich anführen, weshalb die Konstruktion von Wissen ein gemeinschaftliches Projekt ist und die Kunst ein Produkt des Miteinanders.

Utopisches Wissen und Gewissen

Ein Bilddialog von D’Urbano und Varady zeigt den Schreibtisch im Arbeitszimmer von Ernst Bloch. Weil durch das Medium Fotografie die Sprache in Form von Manuskripten in den Blick rückt, bildet sich im Zusammenspiel von Sphären wie Bild und Text, Kunst und Wissenschaft ein erweiterter Dialog ab.

Bloch war sehr daran gelegen, sein Werk als eine „Enzyklopädie“ zu begreifen, als eine umfassende Darstellung menschlicher Hoffnungsbilder für die Vision einer besseren Welt. Das d’urbano-varadysche Projekt „wissen“ gleicht einer Enzyklopädie, gestaltet im Sinne eines freien „Conversations-Lexikon“. Wobei mit dem italienischen „conversazione“ die Zusammenarbeit der beiden Künstlerinnen treffend erfasst ist: Konversation als gemeinsame Praxis des Debattierens, Auswählens und Zeigens. Die Vorsilbe „con“ („mit“) steht für das jeweils Singuläre und Einzigartige im Mit-einander, im Mit-denken und im Mit-empfinden. Das „wissen“-Projekt veranschaulicht ein künstlerisches Vorgehen, das die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung der Unterschiede lenkt, das zur Emergenz von Gemeinsamkeiten führt, das Wissen generiert – und nicht bloß tradiert.

Für Bloch ist die äußere Welt das uns Aufhaltende, beziehungsweise ein Zeugnis für unser Nichtwissen. Im „Geist der Utopie“ (1918) plädiert er, wie Margarete Susman in der „Frankfurter Zeitung“ am 12.1.1919 treffend bemerkt, für eine andere Erkenntnis, für ein anderes Wissen. Er wendet sich ab von einem wissenschaftlich-klassifizierenden Denken respektive theoretischen Wissen und wünscht sich ein bildlich-ontologisches Denken, ein schöpferisches Sich-Einsetzen der gesamten Person. Statt sich in den Dingen zu verlieren oder sie nur zu entziffern, gilt es, „uns selbst, unsere Wahrheit lebendig in sie einzusetzen und aus ihnen zurückzugewinnen“ (Susman). Das „wissen“-Projekt bringt ein „Wissen um uns selbst“ (Susman) zur Ansicht und legt Spuren zu einem „utopischen Gewissen“ (Bloch). Es fragt, welcher Kern den Dingen, Menschen und Werken in Wahrheit innewohnt. Dabei bezieht sich das Wissen auf die Kategorie des Wahren, dem Gewissen bleibt der Anspruch auf das Gute.

Dialog mit dem absolut Anderen

Ernst Bloch prägte in „Geist der Utopie“ den Satz: „Jedes Ding hat seinen utopischen Stern im Blut.“ Um diesen Stern zu entzünden, empfiehlt der Philosoph eine „andauernde Traumkonzentration auf sich selbst“.

Wer durch alles sich hindurch bewegt, gelangt sowohl zu sich selbst wie auch zum verschlossenen Paradies der Menschlichkeit. Die Suche und Sehnsucht nach diesem utopischen Stern in allen Dingen setzt eine „treibende, reißende, rufende Kraft ohnegleichen durch die Welt“ in Gang, schreibt die in einem schöpferischen Dialog mit Bloch stehende Journalistin und Poetin Margarete Susman. Die Fülle der Phänomene gerät in Bewegung, so wie unser Begreifen, Tun und Wissen in Fluss gerät. Wer weiß schon, wer er ist. Wer im gelben Fleck liegt, im Dunkel des gelebten Augenblicks, entgleitet sich. Er glaubt sich zu finden in fremden Dingen, in seltsamen Worten. Was allein zählt, ist jedoch das „Verlangen, bei uns zu sein“ (Susman). Erst so lassen sich immer mehr Schichten der Wirklichkeit erschließen und eine wirkliche Wesensschau der Dinge erreichen.

Im Werkdialog von D’Urbano und Varady ist das Bei-sich-sein gleichbedeutend mit dem Beim-anderen-sein – kein Rückzug in die inneren Kammern der Selbstbefindlichkeit, sondern das Vollziehen einer nach außen gerichteten Bewegung, mündend in den offenen Dialog mit dem Anderen und erlebt als eine Begegnung in der Abwesenheit von Hierarchie. Fraglos, dass der Andere in dieser Beziehung in seiner Andersheit, seinem Fremdsein, unangetastet bleibt. Im Sinne des Philosophen Emmanuel Levinas ist der großgeschriebene Andere absolut anders, kein nur relativ anderes Ich.

Der Werkdialog unterscheidet sich in der Konzeption von jenen Dialogformen, in denen die Auflösung der Widersprüche zwischen dem Ich und dem Du auf kommunikativer Ebene angestrebt wird. Hier hingegen bleiben Unsicherheit und Differenz in stetiger Präsenz. Das stellt an den Dialog die ständige Bereitschaft belebt zu bleiben, weil das dem Menschen Unvorhersehbare und Unverfügbare im Dialog eine erträgliche Leichtigkeit findet. Werkdialog impliziert auch, dass dem Werk etwas Unerschöpfliches innewohnt und der Dialog mit ihm unendlich sein kann. Der „utopische Stern“ erscheint im konkreten Dialog mit Kunst.

Die Taktik der Nomadin

Wege – und nicht nur Werke – sind es, welche die Arbeiten von D’Urbano und Varady verbinden. Auf der einen Seite ist da D’Urbanos Reise von Rom (Tivoli) nach Deutschland – auf den Spuren der europäischen Migration nach dem Zweiten Weltkrieg – mit Ankunft in Westberlin am 4.11.1984.

D’Urbano erlebt als Fremde die Gefühle der Eigentümlichkeit des Nah- und Fernseins, wenn sie in der Arbeit „Viaggo in Germania“ (2011) auf einem Stadtplan das Bewegungsprofil ihres sechsjährigen Aufenthalts in Berlin dokumentiert. Auf der Suche nach ihrer damaligen Identität, finden sich in einer Vitrine die Fotos, Ausweise und Pässe der Künstlerin, von der D’Urbano sagt, dass es sich um eine Person handelt, „die mir jetzt fremd ist“. Und weiter: „Das Fremdsein ist ein Dauerzustand, der nicht mehr weg zu denken ist.“ Die Künstlerin als Nomadin befindet sich in einer Identitätsgeschehen, das von Übergängen, Verschiebungen und Wandel bestimmt ist. So erlebt sich das nomadische Subjekt in einer Bewegung des Fließens, was dem mentalen Erfassen der eigenen Identität immer auch im Weg steht.

Nomadinnen können ihre Zelte scheinbar problemlos überall aufschlagen und sind an allen Orten gleichermaßen zu Hause wie fremd. Das unterscheidet die Nomadin von der Migrantin, denn diese kann und will ihr Zelt überall aufschlagen, sie wird nicht dazu verurteilt.

Die Metapher der Nomadin hat eine starke Bindung an den Aspekt der Kartografie. Wenn das Subjekt sich in der permanenten Bewegung des Unterwegsseins befindet, dann entsteht das Selbstverständnis der eigenen Existenz aus der a-posteriori erfolgten Rekonstruktion der Reiseroute. Bei D’Urbano kann man auf die Fußabdrücke im Pflaster von Berlin blicken und sie mit den eigenen Gedanken zu einer Geschichte über das Fremdsein zusammenfassen. Für die Philosophin Rosi Braidotti verfügen Nomadinnen über eine gewisse „taktische Schläue“, denn ihre Ortlosigkeit wird zur Beweglichkeit und diese wiederum zur kritischen Taktik. Soziale Räume – Familie, Universität, Projekt, Medien, Kneipe usw. – sind je nach dem Oasen, Zwischenstopps, Ruheraum, Kampfarena, Spielfeld oder anderes mehr. Nie jedoch handelt es sich um ein Zimmer mit Ein- und Ausgang. Es gibt keine Tür und wenn, stünde sie immer offen und die Nomadin hätte sprichwörtlich meist einen Fuß dazwischen.

Der Polylog der Jetzt-Archäologin

Wenn Wege – und nicht nur Werke – die Arbeiten der beiden Künstlerinnen zueinander bringen, dann erfolgt das auf der anderen Seite durch die künstlerische Forschung von Dagmar Varady im Work in Progress mit dem Titel „Material einer Reise“. Während D’Urbano wirklich von Süden nach Norden reist, bricht Varady virtuell in die genau entgegengesetzte Richtung auf: von Deutschland nach Italien. Auf ihrer imaginären Grand Tour sammelt sie seit Jahren Bilder, Texte, Dinge, Medien und Geschichten, um sie der Schwerkraft der Wirklichkeit zu entziehen und in verdichtete Bildwelten zu transferieren. Das führt zu einer künstlerischen Bildproduktion, die eine andere Kartografie von Realität zeichnet und so Bildsprachen generiert, mit deren Hilfe die Betrachter die Welt auf bisher ungeahnte Art zu lesen und zu verstehen lernen. In diesem Mapping mit Farben, Formen und Figuren bleiben Bestimmungen wie Anfang oder Ende bedeutungslos, der Betrachtungsfokus findet sich mitten in den Dingen. Das führt zu Identitätsbrechungen, zu Vermischungen und Überlagerungen.

Diese von Varady praktizierte Methode – als Weg und Verfolgung einer Spur – ist geprägt durch einen diskursiven und präsentativen Zugang zu den Erscheinungsbildern von Welt. Die diskursive Spur folgt Namen wie Goethe, Johann Heinrich Wilhelm Tischbein und Angelika Kaufmann auf deren Reisen nach Rom. Hinzu kommen Inspirationsmomente zu Farbenlehre, Prisma und Landschaft. Für die präsentative Ausdrucksform wählt die Künstlerin die Kombination der Medien Fotografie, Zeichnung und Buch, um den Sinnen in einer Art Polylog unmittelbar Anregung zu geben. So wird erfahrbar, wie diskursives Material sich in der tatsächlichen Wahrnehmung präsentiert und durch Kunst artikuliert.

Varadys Projekt „Material einer Reise“ vollzieht ein Mapping von Zonen, in denen die Fragmente des Alten und die Umrisse des Neuen ineinander übergehen – Archäologie verwandelt sich hier in Avantgarde, geschieht gerade eben jetzt.

Das Sosein der Dinge transformieren

Dagmar Varadys Werkzyklus „Menü Deutschland“ (seit 2003) ist mehr roh als gekocht. In dieser Multimedia-Installation wird weniger gegessen als vielmehr wiedergekäut. Damit soll eine dialogische Produktionsweise bezeichnet sein, in der sich das Fremde mit dem Eigenen verknüpft und für etwas unerwartet Neues öffnet. Etwa für den kulinarischen Reisebericht aus China des Schriftstellers Péter Zilahy (in „Lettre International“, Sommer 2013), der den Besuch eines Restaurants beschreibt, in dem die zur Speise zubereiteten Tiere (z. B. Rattenembryos) auf dem Teller noch röcheln.

Varady transformiert den Text, indem sie Auszüge von Hand mit dem Stift auf Zeichenpapier überträgt. Die Abschrift wirkt wie gezoomt und in seine Einzelteile zergliedert. Die Lücken im Text stellen sich der klaren Lesbarkeit entgegen. Was entsteht ist ein Rätsel. Ebenso rätselhaft bleibt ihr Video „Rich“ (2012), das Schokolade-kauende Jugendliche zeigt, denen man ansieht, dass sie den Verzehr als Genuss erleben. Das sich durch das Kauen bildende Serotonin, lässt die Porträtierten immer entspannter wirken. Ein ähnliches Transformationswerkzeug findet sich in der Installation „L’età dell’oro“ (2001; Kunsthalle Tirol, Hall) von Alba D’Urbano. Die Besucher haben bei der ursprünglichen Präsentation die Möglichkeit, an einer Tauschaktion teilzunehmen. Wer einen Schokotaler für zwei Euro kauft, trägt dazu bei, einem Menschen in der so genannten Dritten Welt einen Tag an Lebenszeit zu schenken. Die ursprünglich zum Porträt eines unterernährten Kindes am Boden ausgelegten Goldtaler werden nach und nach weniger, das Gesicht des Kindes bekommt immer mehr Lücken, bis es schließlich vollständig unkenntlich geworden ist. Parallel dazu füllt sich die Schatulle mit dem Geld, das in Folge an eine Hilfsorganisation als Spende weiter geleitet wird.

Beide Künstlerinnen wählen für ihre Werke eine transformative Praxis: Fremdes mit Eigenem vermengen, Rohes in Gekochtes umwandeln, chemische Prozesse wirken lassen, Geld gegen Leben tauschen, Wertvolles zu Wertlosem verkommen lassen.

Jeder Organismus verdaut und integriert Neues, egal ob es sich um Nahrung, Erlebnisse, Informationen, Einflüsse, Konflikte, Ideen oder Theorien handelt. Sich nähren heißt, sagte der griechische Philosoph Aristoteles, „Ungleiches gleich zu machen“. Wenn Kunst imstande ist, neue Dinge und ihr im Wesenskern Ungleiches ihren Vorstellungen anzupassen und zu verdauen, kann sie wie ein Organismus wachsen. Um den „Hunger zu stillen“ oder um zu einer kreativen Lösung zu gelangen, muss der Organismus, respektive die Kunst als sozialer Organismus, auf furchtlose Weise mit der Umwelt in Kontakt treten und das Sosein der Dinge transformieren.

Globalität – Archipel – Display

Während der Begriff Globalisierung als kapitalistisches Projekt multinationaler Konzerne und als Prozess kultureller Standardisierung betrachtet werden kann, sind mit dem Begriff der Globalität eher die produktiven, kreativen und kulturellen Potenziale von Gesellschaften beschrieben.

Der karibische Schriftsteller Édouard Glissant hat in diesem Kontext eine interessante heuristische Trennung vorgenommen. Er unterscheidet zwischen einer kontinentalen Kultur, die gekennzeichnet ist von Systemdenken, Zweckrationalität und Schriftwissen (Globalisierung), und einer archipelischen Welt, die von nomadischen Lebensformen, mündlichen Traditionen und einer dynamischen Offenheit gegenüber anderen Kulturen geprägt ist (Globalität). Geografisch beschreibt diese Welt (vorläufig) alles Insulare und Archipelische, so die Inseln der Weltmeere, als auch die Völker entlang des Amazonas und andere Flusskulturen. Das könnten die Referenzpunkte sein, von denen aus sich die neue Weltbürgerschaft und Globalkunst „archipelisiert“.

In der Ausstellung von D’Urbano und Varady sind es kleinere und größere Archipele, vergleichbar mit experimentellen Laboratorien. Eher unzugängliche und heterogene Dinge werden unvermutet miteinander in eine Beziehung gesetzt. Durch diese Poetik der Beziehungen zwischen den Inseln lassen sich Erfahrungen machen, die neugierig Spuren folgen, statt sich mit der Begründung aus einem gewohnten Systemmodell heraus zufrieden zu geben. Die Kunst erweist sich dabei als ein Transformator für Wissen, das etwas Nicht-Systematische, Intuitives, Brüchiges und Ambivalentes in sich birgt und eben auch freigeben kann. Dabei ist es das archipelische Display der Werke und Bücher, das der Komplexität und Vielfältigkeit von Wissensvermittlung am besten gerecht wird. Die persönliche Autorität beider Künstlerinnen löst sich auf zugunsten einer Identität im Sinne eines Rhizoms, eines Wurzelgeflechtes, das der Logik der Begegnung mit dem Anderen nicht entkommen kann und will. Das findet seinen Ausdruck sowohl in der kollektiven Autorschaft der beiden Künstlerinnen wie auch in der Anregung, als Besucher mittels partizipativer Assoziations- und Imaginationskraft, singuläre Inselwelten als miteinander vernetzt zu denken.

Die Ausweitung der Kontaktzone

Die Ausstellung von D’Urbano und Varady im Kunstverein Ludwigshafen ist reich an Themen, handelt von Reisen, Essen, Tod, Natur, Katastrophen, von der aufregenden neuen Medienwelt, von Frauen/Schönheit/Körper oder den Gefühlen der Pubertät.

Die Ausstellung „wissen“ verweist einmal mehr darauf, dass eine Fülle an Phänomenen und die Erkenntnis von den Dingen immer an eine Materialität gebunden ist und des engagiert persönlichen Augenscheins bedarf, um sie deuten und auslegen zu können. Da die Bedeutung der Dinge jedoch nicht in den Exponaten per se angelegt sein kann, erschließt sich der Rezeptionsvorgang erst in Verlauf eines Dialogs zwischen Zeigenden, Betrachtenden und Gezeigtem.

Wer die Ludwigshafener Ausstellung von D’Urbano und Varady als offenen Dialograum begreift, trifft auf ein Setting, das frei ist von Autorität und Hierarchie, sich bestimmten Aufgaben und Zielen konsequent verweigert. Und ohne Verpflichtung bleibt, wenn es darum gehen sollte, zu Schlüssen irgendwelcher Art zu kommen. Die Ausstellung als Dialograum zeigt Wirkung auf ganz andere Weise. Sie wird zum Auslöser assoziativer Bedeutungsströme und affektiver Wahrnehmung. Sie ermöglicht das aktive Eingreifen, stiftet zum Probehandeln an und fokussiert auf die Interaktion zwischen Künstlerinnen und Betrachtenden, zwischen Objekten und Subjekten, zwischen Exponaten und Exposition. Beabsichtigt ist nicht das Erlangen höherer Einsichten, sondern das Erkennen der Vielzahl gleich gültiger Wahrheiten.

Von einem je individuellen Œuvre aus kommt es zu einer Ausweitung der Kontaktzone, in der unterschiedliche ästhetische und kulturelle Positionen zu koexistieren beginnen und – mehr oder weniger konfliktreich – ausgehandelt werden müssen. Es entsteht, paradox formuliert, eine Atmosphäre von formloser Konturenschärfe. Dieser Eindruck stärkt sich durch das architektonisch an eine Bibliothek angelehnte Bühnenbild aus Baufragmenten. So verdichtet sich insgesamt die Ästhetik der Installation zwischen den Wirkkräften von Hybridität und Intermedialität.

Das hier konzipierte szenografische Display mit den Büchern, Versatzstücken und Regalen aus der Stadtbibliothek Ludwigshafen wird nicht bloß als Produkt präsentiert, sondern in ihm wird das Ergebnis eines komplexen Prozesses sichtbar, das selbst zum Exponat geworden ist. Dieses Display stellt nicht Werke als Teil eines Dialogs aus, sondern ist selbst das Werk eines Dialogs. Das Projekt „wissen“ wird zu einem Ort des „Neuen Ausstellens“ (vgl. „Kunstforum International“, Band 186/2007). Es ermöglicht gerade deshalb Prozesse, weil es der Unsicherheit, Ambivalenz und der Diskursivität den Raum lässt.

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