Dagmar Varady

Medienkünstlerin im Bereich Intermedia

I Don't Like Passion

Exhibition
2018, April 13 - May 31.

The opening will be on April 13.
At the Gallery Paris London Hong Kong, 1709 W. Chicago Ave., Chicago; IL 60642, USA

www.deveningprojects.com

Die Aussage I Don’t Like Passion von Louise Bourgeois hat Dagmar Varady ihrer Arbeit vorangestellt, um mit der Künstlerin und ihrem Werk in ein besonderes Zwiegespräch zu treten. Seit über 25 Jahren umkreist und umgarnt sie dieses vielschichtige Werk, um herauszufinden, warum es so viele Saiten in ihr als Frau und Künstlerin anklingen lässt. 2015, fünf Jahre nach Louise Bourgeois’ Tod, fand diese Annäherung in der großen Retrospektive im Moderna Museet in Stockholm eine Zuspitzung. „Ich wollte die Ausstellung nicht einfach nur sehen, sondern sie mir irgendwie auf andere Weise aneignen, physisch und besonders.“ Und es ist ihr gelungen. Sie hat die Erlaubnis bekommen, den Abbau der Ausstellung hinter den Kulissen des Museums zu fotografieren. Aus über 1000 Bildern hat sie ausgewählt und ihre fotografischen Tableaux komponiert. Sie gibt damit ihren Blick auf Louise Bourgeois dem Betrachter preis. Es ist Hommage und Widerstand in einem. „Es geht mir um eine Art dialogische Bewegung des Verstehens“, womit sie uns, die Betrachter ihrer Bilder, gleichsam auffordert, mit ihr das Gleiche zu tun.

Varady gibt zwar Einblicke in museales Arbeiten, in die Zerlegungsarbeit beim Abbau einer Ausstellung, die sich eben noch in einer ausgeklügelten kuratorische Ordnung präsentierte; aber ihre Aufmerksamkeit gilt vor allem der Materialität, der Zerstückelung und der Unordnung der Dinge: Köpfe und Puppen aus Stoff, Gläser und Flacons unterschiedlichen Zuschnitts, Körperteile aus Bronze und Wachs, Marmoreier, undefinierbare Gegenstände eingewickelt in Tücher und Plastikfolien, Fadenspulen, Kisten, Klebebänder, Bläschenfolien, Scheren, Tacker, Bleistifte und Etiketten – ein Durcheinander von Formen und Materialen, das die Grenzen zwischen Bourgeois’ Kunst und dem Verpackungsmaterial verschwimmen lässt. Es ist ein Ort der Unruhe, eine Kunst im Schwebezustand, im Dazwischen von Konstruktion und Destruktion. Genau dieser Zustand interessiert Varady.

Bourgeois’ eigensinnige Skulpturen, Installationen und Zeichnungen sind Ergebnis persönlicher Erfahrungen und Erinnerungen. Für den Kampf um die für sie richtigen Formen und Inhalte bezahlt sie buchstäblich einen hohen Preis, wie sie selber sagt: „The subject of pain is the business I am in. To give meaning and shape to frustration and suffering. What happens to my body has to be given a formal abstract shape. So you might say, pain is the ransom of formalism...“ Erschaffen aus individuellen Verletzungen, Eigensinn und Widerspruch versperren sich Bourgeois’ Arbeiten eindimensionalen, eindeutigen Lesarten. Varady macht diese Ambivalenzen fruchtbar und führt uns ihre eigenen vor Augen. Aber sie eignet sich ihr künstlerisches Gegenüber nicht an im Sinne der Aneignungskunst, deren ironische, kritische oder parodistische Haltung, die aktiv die Bedingungen und Grenzen der Kunst und des Kunstsystems auslotet, sie nicht interessiert. Vielmehr ist es eine persönliche Annäherung an eine Seelenverwandte, in deren autobiografischem Werk unbewusste Schichten ihrer eigenen Geschichte zum Schwingen kommen, etwa bei den versehrten und wieder zusammengenähten Puppen. „Meine Puppe, die ich von meinen Eltern bekam..., gefiel mir nicht. Meine Großmutter schenkte mir Puppen. Diese Puppen konnte ich gut zerlegen und zu neuen Puppen zusammenfügen. Ich zerschnitt alles.“ Auch wenn es emotionale Affinitäten zwischen den beiden Künstlerinnen gibt, so sieht Varady wie Bourgeois die Distanz zu ihrer Gefühlswelt als essentiell für ihr Arbeiten. „Genau das meine ich bei L.B. entdeckt oder verstanden zu haben, dass es ihr nicht um Leidenschaft geht, sondern um das nüchterne Sezieren ihrer Emotionen.“ Darum der Titel I Don’t Like Passion. Sie will nichts erzählen, weg von narrativen biografisch-emotionalen Motiven, auch wenn der Betrachter in den Ausschnitten und Montagen ihrer fotografischen Bilder durchaus Geschichten assoziieren könnte. Indem sie zerstückelt und wieder zusammensetzt, wie sie es mit den Puppen tat, interessieren sie Bildtransformationen, die sie sich nicht scheut, bis zur Verzerrung und Verfremdung auszureizen, um ihnen eine eigene Form zu geben, losgelöst von schon Vorhandenem.

In allen Arbeiten, sei es in ihren Annäherungen an Künstler, Bücher oder die Natur, geht es Dagmar Varady um das Generieren von Wissen, „Wissen, das sich erst bildet“. Doch bei ihren Recherchen hat die Künstlerin einen anderen Zugang als Wissenschaftler, die sich ihrem Gegenstand meist mit derselben Methode in vertrauten Ordnungssystemen nähern und auf ein wissenschaftlich stichhaltiges Resultat abzielen. Varady weiß im Voraus nie, wie sie vorgehen wird, auf welche Abwege sie kommt, welchen Assoziationen sie begegnet und wie lange es dauert, bis sie die für sie richtige Form gefunden hat. Es ist immer ein Suchprozess, ein Experiment mit offenem Ende. Ihre künstlerische Haltung bleibt allerdings immer dieselbe: Es geht ihr um genaues geduldiges Hinschauen, langes Beobachten, präzises Erkunden von Zusammenhängen, sorgfältiges Prüfen von Materialien und Medien und nicht zuletzt um das Befragen ihrer emotionalen Gestimmtheit gegenüber dem zu untersuchenden Gegenstand, dem „Patience in looking and precision in feeling“, wie es der britische Schriftsteller, Maler und Kunsthistoriker John Ruskin so passend ausgedrückt hat. Varady selber beschreibt es so: „Vielmehr ist das, was entsteht, Resultat von Neugierde. Einen eigenen Zugang finden in der Auseinandersetzung mit Phänomenen, wie Emergenz, Affekt, Reiz ist Antrieb, reflektierend vor dem Hintergrund bereits existierender Zugänge, diese abwägen, variieren, Leerstellen finden. Hier, den so genannten Leerstellen, wenn man es so bezeichnen will, spioniere ich regelrecht besessen nach. Und hier mag es etwas Unbewusstes geben, das mich antreibt. Aber, nicht dieses zu erkennen, ist mein Ziel, sondern die Form, die ich dem gebe respektive die künstlerische möglichst unverwechselbare Arbeit ist Teil meines Ehrgeizes. Mit der Arbeit höre ich an dem Punkt auf, wenn die Fragestellung auch für den Betrachter nachvollziehbar wird.“

Im Resonanzraum von Louise Bourgeois’ Werk ist Varady Rezipienten und Schöpferin zugleich. Sie erlebt in der Anschauung, im „Bildakt“, wie Horst Bredekamp es nennt, die Wirkung auf ihr Empfinden, Denken und Handeln, die aus der Eigenkraft des Werkes entsteht, das sie in der Folge auf ihre eigene Art seziert und zerlegt, um ihre Bilder zu schöpfen, die in ihrer Wirkung ihrerseits auf den Betrachter überspringen. Ein nicht abreißendes lebendiges Senden und Empfangen.

Annemarie Hürlimann